Die Geschichte
Vom Dienstbotenfest zum Münchner Brauchtum
Wie aus den freien Morgenstunden der Köchinnen und Hausknechte ein Volksfest wurde, warum es 1904 verboten wurde und wie es 1989 zurückkehrte.
Kapitel I · Der Ursprung
Das Fest derer, die keine Feste hatten
Der Kocherlball ist keine Erfindung des Stadtmarketings. Er ist ein Stück Münchner Sozialgeschichte, das von den Menschen erzählt, deren Arbeit die bürgerliche Stadt am Laufen hielt.
Im ausgehenden 19. Jahrhundert diente in München ein Heer von Hausangestellten: Köchinnen, die Kocherl, dazu Kindermädchen, Stubenmädchen, Mägde und Hausknechte. Frei hatten sie fast nie, schon gar nicht abends. Was ihnen blieb, waren die frühen Stunden der Sommersonntage, bevor die Herrschaften erwachten.
Also traf man sich im Morgengrauen im Englischen Garten am Chinesischen Turm. Aus dem Beisammensein wurde Tanz, aus dem Tanz ein Fest: an guten Sonntagen kamen nach etablierten Darstellungen bis zu achttausend Dienstboten zusammen, getanzt wurde zu Blasmusik zwischen fünf und acht Uhr früh. Hier wurde geredet, geworben und gelacht, quer durch die Dienstbotenschaft der Stadt, ohne Aufsicht der Herrschaften.
Kapitel II · Verbot und Stille
1904: Schluss aus Mangel an Sittlichkeit
Genau diese Freiheit wurde dem Ball zum Verhängnis. 1904 untersagte die Obrigkeit das Treiben, die überlieferte Begründung: Mangel an Sittlichkeit. Ein unbeaufsichtigtes Vergnügen der Unterschicht, bei dem im Morgengrauen getanzt und geflirtet wurde, passte nicht in die Ordnungsvorstellungen der Zeit.
Es folgten fast neun Jahrzehnte Stille. Der Chinesische Turm blieb Biergarten, aber die Sonntagmorgen gehörten wieder dem Betrieb, nicht dem Tanz. Der Kocherlball überlebte nur als Erinnerung und in Erzählungen.
- 1880er
Blütezeit
Dienstboten treffen sich sonntags ab etwa 5 Uhr am Chinesischen Turm, bis zu achttausend Gäste.
- 1904
Verbot
Untersagung aus Mangel an Sittlichkeit. Der Ball verschwindet.
- 1989
Wiederbelebung
Zur 200-Jahr-Feier des Englischen Gartens kehrt der Ball zurück.
- heute
Volksfest
Jährlich am dritten Julisonntag, in guten Jahren um die 10.000 Gäste in Tracht.
Kapitel III · Die Rückkehr
1989: Der Turm tanzt wieder
Zur 200-Jahr-Feier des Englischen Gartens 1989 wurde der Kocherlball wiederbelebt, als bewusste Hommage an das historische Vorbild: gleicher Ort, gleiche frühe Stunde, gleiche Tänze. Was als Jubiläumsidee begann, wurde sofort wieder zur Institution.
Heute wird der Ball von den Pächtern des Biergartens am Chinesischen Turm gemeinsam mit dem Kulturreferat der Landeshauptstadt München getragen. Er findet jedes Jahr am dritten Sonntag im Juli von 6 bis 10 Uhr statt, bei freiem Eintritt, und versammelt in guten Jahren um die zehntausend Menschen in Tracht, viele in historischer Dienstbotenkleidung. Aus dem Fest der Dienstboten ist das Fest aller geworden, das seiner Herkunft treu geblieben ist: früh, draußen, für jeden.
Fragen zur Geschichte